Naturglas Obsidian
römische Vasen
Glas blasen
Mondglasverfahren
Zylinderstreckverfahren
venezianischer Briefbeschwerer
erste Gussglasproduktion im
17. Jahrhundert
flüssige Glasmasse wird auf gekühlte Walzen gegossen

Die Geschichte des Werkstoffes Glas.

Wie Phoenix aus der Asche
Aus geschmolzenem Quarzsand entsteht ein einzigartiges Material – Glas. Glas ist jedoch keine Erfindung des Menschen, sondern vielmehr von der Natur kopiert.
Naturglas entsteht beispielsweise bei Vulkanausbrüchen. Durch die grosse Hitze im Erdinnern bilden sich aus Gestein Obsidiane. Diese werden bei einer Eruption ausgespien. Obsidiane sind bräunlich oder klar durchsichtig. In der Neuzeit fanden Astronauten natürliches Glas auf dem Mond. Fachleute nehmen an, dass bei Meteroiteinschlägen Mineralien zu Mondglasperlen schmelzen.
Über den Ursprung der Glasherstellung gibt es keine genauen Angaben. Aus kalkhaltigem Sand in Verbindung mit Natron entstand Glas wohl als Zufallsprodukt beim Brennen von Gefässen. Es wurde auch als Glasur auf Keramiken verwendet. Funde belegen, dass bereits Ägypter, Babylonier und Assyrer Glas schmelzen konnten. Älteste Funde reichen bis 7000 Jahre v. Chr. zurück.
Nimm 60 Teile Sand
«Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen, 5 Teile Kreide – und du erhältst Glas.»

Dieses eigentlich noch heute gültige Glasrezept, auf einer Tontafel in Keilschrift geritzt, stammt aus dem Jahr 650 v. Chr. Es ist mit der Bibliothek des damaligen assyrischen Königs Assurbanipal in Ninive erhalten geblieben. Das Herstellungsverfahren war damals jedoch äusserst schwierig. Daher war Glas eine begehrte Rarität. Zunächst diente Glas nur als Schmuck, später für Gefässe und Becher. Etwa 3000 v. Chr. fertigten die Ägypter solche Gegenstände mit Hilfe der Sandkerntechnik an. Sie tauchten einen tonhaltigen Sandkern in die auf etwa auf 900°C erhitzte, zähe Schmelzmasse. Durch das ständige Drehen des Kerns in der Schmelze haftete das Glas an der Form. Der Kern wurde nach dem Abkühlen vorsichtig herausgekratzt – übrig blieb das gewünschte Glasgefäss.
Glas blasen - ein neues, raffiniertes Verfahren
Ein grosser Schritt in der Entwicklung der Glasherstellung war die Erfindung der Glasmacherpfeife. Etwa 200 v. Chr. gelang es in phönizischen Werkstätten die ersten dünnwandigen Hohlgefässe in unzähligen Grössen und Formen, mit und ohne Ornamentierung, herzustellen. Mit einem etwa eineinhalb Meter langen Blasrohr nahmen die Glasbläser einen Klumpen flüssiges Glas aus der Schmelze und bliesen diesen zu einem dünnwandigen Gegenstand. Diese Technik bildete die Vorstufe der Flachglasherstellung.
Glas am Bau
Die Römer setzten als Erste, anstelle lichtdurchlässiger, ölgetränkter Häute, Flachglas als sicht- und lichtvermittelnder Raumabschluss ein. Die Glasscheiben wurden meist in Holz- und Bronzerahmen gefasst . Da Flachglas sehr kostbar war, fand Glas zu Beginn nur für Thermen und luxuriöse Villen Verwendung. Das grünstichige römische Fensterglas war jedoch rauh und nicht sehr transparent. Die Herstellung erfolgte nach der Guss- und Strecktechnik. Die Handwerker gossen eine zähflüssige Glasmasse auf eine sandbestreute, mit Rändern eingefasste Unterlage. Mit Eisenhaken zogen sie die dickflüssige Masse auseinander.
Bei ihren Eroberungszügen nördlich der Alpen liessen sich die Römer auch in unserer Gegend nieder. Den aus der Heimat gewohnten Komfort wie das Warmwasserbad oder die Fussboden- und Wandbeheizung brachten sie mit. Zudem mussten die Südländer das rauhe nordische Klima ertragen. Flachglas wurde ein notwendiger Baustoff zum Schutz vor der mitteleuropäischen Kälte. So entstanden die ersten Glaswerkstätten nördlich der Alpen mit Zentrum in Köln. Mit dem Untergang des römischen Reiches und den Wirren der Kreuzzüge verschwanden die rheinischen Glashütten. Die Glasmacher zogen nach Belgien und Gallien.
Hochblüte der Glashütten
Während des Hochmittelalters stellte man dann aus Glas nicht nur Alltagsgegenstände her, sondern man setzte es zunehmend als Baustoff für Kirchen und Klöster ein. Glashütten lagen meist in waldreichen Gebieten und an Flussläufen; denn zur Energieerzeugung und der gewaltigen Produktion an Asche, eine bedeutende Beigabe zum Gemenge, benötigten die Glasmacher enorme Mengen Holz. Buchen- und Eichenholz eigneten sich am besten zur Gewinnung von Pottasche. Das Wasser diente zur Kühlung des Glases und für den Transport von Sand, einem weiteren wichtigen Grundstoff zur Glasherstellung. War eine Gegend kahlgeschlagen, wanderten die Glasmacher weiter. Wegen massiver Waldrodungen verbot man sogar in verschiedenen Regionen die Glasherstellung. Im 18. Jahrhundert ersetzen die Fachleute den Energieträger Holz durch Kohle, was das Ende der Waldglashütten bedeutete.
Produktionsverfahren
Bis ins frühe 20. Jahrhundert bildeten das Zylinderstreck- und Mondglasverfahren in unserer Region die Grundlage der Glasherstellung. Bei beiden Produktionstechniken entnahm der Bläser mit der Glasmacherpfeife einen Klumpen Glas und blies ihn zu einem Hohlkörper. Damit die Glasmasse während der Bearbeitung geschmeidig blieb, wurde sie im Ofen ständig gewärmt.
Zylinderstreckverfahren
Beim Zylinderstreckverfahren wurde die Glaskugel durch Blasen, Schwenken und Wälzen auf einer Platte zu einem Zylinder geformt. Mit einem nassen Eisenstift kappte der Arbeiter die beiden Enden des gekühlten, spannungsfreien Zylinders und schnitt ihn anschliessend der Länge nach auf. Im Streckofen wurde der Zylinder erneut erwärmt und mit geeigneten Werkzeugen zu einer flachen Tafel gebogen. Die Zylinderlänge hing von der Lungenkraft des Bläsers ab. Die grössten Zylinder massen in der Länge etwa 2 m und wiesen einen Durchmesser von 30 cm auf.
Mondglasverfahren
Beim Mondglas- oder Schleuderverfahren klebte der Glaser die geblasene Kugel auf die Kopfplatte eines Eisenstabes. Danach sprengte er die Glaspfeife ab und erweiterte mit einem heissen Eisen die entstandene Öffnung. Die nun weit offene Schale wurde erneut erwärmt und durch Schleudern zu einer runden Scheibe geformt. Zu Beginn konnten nur sehr kleine Scheiben geschleudert werden, später erreichten sie einen Durchmesser bis zu 90 cm. Die Glaser schnitten das Mondglas je nach Qualität in Rauten, Recht- oder Sechsecke. Am Ende blieb das dicke Mittelstück, die Butze übrig. Diese gelangte als Butzenscheibe in den Verkauf. Durch das Mondglasverfahren erhielt man reinere und glänzendere Scheiben als durch das Zylinderstreckverfahren, da sie nicht mit dem heissen, rauhen Ofenboden in Berührung kamen. Das in den Glashütten hergestellte Flachglas galt jedoch qualitativ nicht als zufriedenstellend. Weil die Glasmasse nicht ausreichend erhitzt werden konnte, enthielt das Glas viele Bläschen und Schlieren.
Metropole der Glaskunst
Den Venezianern gelang es bereits im 15. Jahrhundert, Glas fast ohne Farbstich und nahezu blasenfrei herzustellen. Diese reine Quälität erzielten sie durch Beigabe von Asche einer bestimmten Strandpflanze sowie von Mangan und Arsenik als Entfärbungsmittel. Dieses Geheimnis wurde streng gehütet, Verrat wurde mit dem Tod bestraft. Durch ihren grossen Erfolg gelangten die venezianischen Glasmacher zu Ansehen und Reichtum. Dies ermöglichte ihnen die Einheirat in Patrizierfamilien.
Ein Monopol der Norditaliener blieb lange Zeit die Spiegelherstellung. Glasplatten wurden mit Zinn und Quecksilber beschichtet. Der Besitz eines venezianischen Spiegels galt damals als Symbol für Reichtum.
Glas wird zum heissbegehrten Baustoff
Im 17. Jahrhundert stieg die Nachfrage nach Glas beträchtlich an. Inzwischen verwendeten Bauherren Glas nicht nur in Kirchen und Klöstern, sondern auch in Schlössern und Stadthäusern. Die Monopolstellung Venedigs trieb die Glashütten im Norden an, neue Produktionsverfahren zu entwickeln.Ein entscheidender Schritt gelang dem Franzosen Bernard Perrot im Jahre 1687 mit der Erfindung des Gussglasverfahrens. Dabei wurde der Inhalt der Schmelzwanne auf eine glatte, vorgewärmte Kupferplatte ausgegossen und mit einer wassergekühlten Metallwalze zu einer Tafel ausgewalzt. Die Dicke der Glastafel ergab sich durch die Höhe der seitlichen Einfassschienen. Die deutlich ebenere Glastafel wurde mit Sand und Wasser abgeschliffen und anschliessend mit einer Paste aus Eisenoxid poliert. Trotz schnellerer Produktion mit weniger Personalaufwand blieb Glas für Fenster dennoch teuer. Wie wertvoll Glas am Ende des 18. Jahrhunderts war, beweist die Tatsache, dass Kutscher am Ende eines Arbeitstages die Scheiben aus den Kutschen demontierten und statt dessen ein Weidengeflecht einsetzten.
Floatglas-Herstellung
Inzwischen sind nahezu alle Verfahren der Flachglas-Produktion durch die Floatglas-Herstellung ersetzt worden. Am 20. Januar 1959 präsentierte der britische Glashersteller Pilkington dieses bahnbrechende, bis heute noch aktuelle Verfahren der Weltöffentlichkeit. Floatglas ist heute die am meisten verwendete Glasart. Floaten bedeutet fliessen oder schwimmen, was sich direkt auf die Verfahrensweise des Produktionsvorgangs bezieht.